Beim stöbern bin ich auf eine interessante Dokumentation gestossen, welche über TV-Satelitten-Schüsseln im Iran und die Änderungen welche sie bringen berichtet.

Iran – Im Reich der Schüssel
(Grossbritannien, 2008, 43mn)
ARTE F
Regie: Mohammad Rasoulof
16:9 (Breitbildformat)

Satellitenfernsehen ist im Iran verboten, gleichzeitig aber die geheime Droge der Nation, die sich mittlerweile in alle Bereiche des iranischen Lebens eingeschlichen hat. Überall sieht man die verbotenen Satellitenschüsseln, auf Wohnungsdächern, Fenstersimsen, sogar sandsturmgeschützt in den Zeltdörfern der Wüstennomaden. Aber die iranische Sittenpolizei dringt in dem Bemühen, die Bevölkerung vor verwerflichem äußerem Einfluss zu schützen, mit Drahtscheren und Vorschlaghämmern gewaltsam in Privathäuser und Wohnungen ein, um dem Spaß ein Ende zu bereiten. Eindrucksvolle Dokumentation voll schwarzen Humors, realisiert von dem iranischen Filmemacher Mohammad Rasoulof.

Fernsehen per Satellitenschüssel steht im Iran auf dem Index. Aber worin besteht das Problem beim Satellitenfernsehen? „Negativer Inhalt“, so lautet der offizielle Kommentar, außerdem „unmoralische Szenen“, „schlechter Einfluss“. Aber in einem Land, in dem prüde Schwarzmarkthändler sorgsam Sexszenen herausschneiden, in denen sogar die Augen von Stammesältesten aufblitzen, wenn sie behaupten, nichts über Fernsehen zu wissen, drängt sich die Vermutung auf, dass die Zensur einen tieferen Grund hat. „Sie wollen nicht, dass wir sehen, welche Freiheiten es in anderen Ländern gibt“, behauptet vorwurfsvoll der Jugendliche Davood Kamkar. Seine Mutter pflichtet bei: „Die Entscheidungen unserer Regierung stehen nicht in Einklang mit dem, was das Volk will.“ Sie haben soeben die brandneue Schüssel vom Schwarzmarkt in ihrer Wohnung installiert, und drücken ihre Missbilligung der Regierung dadurch aus, dass sie sich verbotenerweise auf den neuesten Informationsstand bringen.
Welche Gründe auch immer die Regierung für ihre Razzien hat, bei denen Sicherheitskräfte gewaltsam in Häuser eindringen und Satellitenschüsseln sowie Fernseher zerstören, sie bewirken echte Verstimmung bei den leiderprobten Iranern. „Ich fühle mich nicht sicher, wenn ich vor die Tür gehe. Ich bleibe lieber zu Hause und schaue Satellitenfernsehen“, sagt Layla. „Wenn ich einkaufen gehe, kritisiert immer irgendein Staatsbediensteter meine Kleidung, mein Kopftuch oder mein Make-up.“ Unter diesen Umständen ist es sicherer, zu Hause zu bleiben und sich der Wirklichkeit auf andere Weise zu entziehen.
Und die kleine Mamak, die mit neun Geschwistern auf engstem Raum in einer armen Teheraner Vorstadt lebt, sagt: „Fernsehen ist unsere einzige Ablenkung.“ Es ist schwierig, von solch verzweifelten Aussagen unberührt zu bleiben. Aber wie immer gibt es Interessengruppen, die das Gesetz in ihrem Sinne zu manipulieren versuchen. Am lautesten zetern die Traditionalisten, die Reformen bremsen wollen: „Wir wollen solche Anlagen nicht, sie bringen Schande über uns. Wer nicht gehorcht, wird mit Peitschenhieben bestraft oder ins Exil geschickt.“

Die Dokumentation von Mohammad Rasoulof, einem der begabtesten Filmemacher des Irans, ist eine Reise voller Humor und Energie quer durch sein Heimatland, der stellenweise jedoch auch eine tiefe Verzweiflung ahnen lässt. Dabei verbindet sich die originelle Kameraarbeit nahtlos mit den einfühlsamen Interviews zu einer kurzweiligen, bittersüßen Dokumentation.

Jemand war so nett und hat die Dokumentation auf YouTube bereitgestellt:

Und nicht vergessen, morgen ist der 16. Azar. Die Iraner werden morgen wieder die Strassen füllen um gegen das Regime zu demonstrieren.

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